Margarete Wieczorek ist Vorstandsvorsitzende, akademische Kontinenz- und Stomaberaterin, Pflegeexpertin Stoma-Kontinenz-Wunde (FgSKW), Wundexpertin ICW®, Medizinprodukteberaterin, Praxisanleiterin sowie Gesundheits- und Krankenpflegerin. Im Gespräch mit Wundmitte erklärt sie, warum die Versorgung enteraler Fisteln zu den anspruchsvollsten Aufgaben der spezialisierten Pflege gehört und wie eine fünftägige Weiterbildung Pflegefachpersonen dabei unterstützt, komplexe Versorgungssituationen sicher zu bewältigen.
Wundmitte: Enterale Fisteln gelten in der Versorgung als besonders anspruchsvoll. Was macht dieses Thema aus Ihrer Sicht so herausfordernd – und warum lohnt es sich für Pflegefachpersonen, hier tiefer einzusteigen?
Margarete Wieczorek:
Enterale Fisteln gehören zweifellos zur Königsdisziplin der spezialisierten Pflege. Die besondere Komplexität liegt darin, dass es bis heute keine einheitlichen, standardisierten
Versorgungsleitlinien oder Standards gibt. Jede Fistelsituation ist individuell.
Die Aggressivität der Verdauungssekrete kann bei unzureichendem Management innerhalb kürzester Zeit zu massiven Hautdefekten führen. In Kombination mit hohen Fördermengen und anatomisch schwierigen Wundverhältnissen entsteht in der Praxis häufig große Unsicherheit.
Genau hier setzen wir an: Ein tiefes Verständnis für dieses Fachgebiet kann Unvorhersehbarkeit in Handlungssicherheit verwandeln. Für Pflegefachpersonen bietet sich die Chance, ihre Expertise in einem hochspezialisierten Bereich sichtbar zu machen und bestehende Versorgungslücken durch fundiertes Wissen zu schließen.
Wundmitte: Im Kurs geht es nicht nur um Produkte und Versorgungstechniken, sondern um ein ganzheitliches Pflegemanagement. Was bedeutet „ganzheitlich“ in diesem Zusammenhang konkret?
Margarete Wieczorek:
Ein rein produktfokussiertes Denken im Sinne von „Beutel aufkleben“ greift bei enteralen Fisteln zu kurz. Ganzheitlichkeit bedeutet, klinische Parameter, Ernährungsphysiologie,
Medikamentenresorption und psychosoziale Begleitung konsequent miteinander zu verknüpfen.
Da es keine Standardlösung gibt, müssen wir flexibel zwischen unterschiedlichen Versorgungsoptionen abwägen – von der modernen Unterdrucktherapie über Fisteladaptionen bis hin zu offeneren Systemen.
Auch das Materialmanagement ist ein kritischer Erfolgsfaktor. Es geht um den wirtschaftlichen und zugleich hochgradig zielgerichteten Einsatz von Hautschutzkomponenten, Pasten und Versorgungssystemen. Nur wer die Materialien und ihre Eigenschaften in der Tiefe versteht, kann angemessen auf die Dynamik einer Fistel reagieren.
Wundmitte: Welche typischen Aha-Momente erleben Teilnehmende während der Weiterbildung – beispielsweise beim Assessment, bei der Produktauswahl oder im Umgang mit Komplikationen?
Margarete Wieczorek:
Ein entscheidender Aha-Moment ist die Erkenntnis, dass die Versorgung einer enteralen Fistel niemals von einer Berufsgruppe allein bewältigt werden kann. Es braucht ein gut verzahntes,
multiprofessionelles Team.
Im Kurs beleuchten wir deshalb intensiv die Schnittstellen zwischen der spezialisierten Pflege in den Bereichen Wunde, Stoma und Kontinenz, der Viszeralchirurgie, der Ernährungsmedizin sowie weiteren am Behandlungsprozess beteiligten Akteur:innen.
Nur wenn alle Professionen dieselbe Sprache sprechen und therapeutisch an einem Strang ziehen, kann die Versorgung erfolgreich sein. Diese interdisziplinäre Kommunikation auf Augenhöhe wird im Kurs gezielt geschult.
Wundmitte: Was nehmen die Teilnehmenden nach den fünf Kurstagen mit, das sie direkt in ihrer Praxis anwenden können – und welchen Unterschied kann das für Patient:innen mit enteralen Fisteln machen?
Margarete Wieczorek:
Die Teilnehmenden gehen mit einem prall gefüllten und praxiserprobten Werkzeugkoffer aus diesen fünf Tagen. Nach dem Kurs beherrschen sie nicht nur das theoretische Fundament, sondern können
komplizierte Fistelverhältnisse präzise assessieren, die Dynamik der Sekrete richtig einschätzen und maßgeschneiderte Versorgungskonzepte eigenständig anwenden – von der Unterdrucktherapie bis
hin zu individuellen Hautschutzlösungen.
Sie nehmen außerdem die Sicherheit mit, auch in kritischen Situationen besonnen und evidenzbasiert zu handeln.
Für die Patient:innen bedeutet dies einen erheblichen Gewinn an Lebensqualität und Sicherheit. Ein professionelles Fistelmanagement kann schmerzhafte Hautdefekte verhindern, Leckagen reduzieren und häufig auch den stationären Aufenthalt verkürzen. Statt ständiger Angst vor Kontamination und sozialer Isolation erleben Betroffene durch die gesteigerte Kompetenz der Pflegefachpersonen spürbare Entlastung, verlässliche Stabilität und eine Versorgung auf hohem fachlichem Niveau.
Wundmitte: Wem würden Sie diese Weiterbildung besonders empfehlen – und warum gerade jetzt?
Margarete Wieczorek:
Ich empfehle diesen Kurs insbesondere Pflegefachpersonen aus der Viszeralchirurgie und der Intensivpflege, Pflegeexpert:innen für Stoma, Kontinenz und Wunde, Wundexpert:innen sowie
spezialisierten Fachkräften in der ambulanten Versorgung.
Durch immer kürzere Krankenhausverweildauern werden hochkomplexe Patient:innen zunehmend früher entlassen. Einrichtungen, die ihre Mitarbeitenden bereits im September zu dieser Premiere entsenden, bauen frühzeitig die notwendige Expertise vor Ort auf und positionieren sich als Qualitätsführende in einem anspruchsvollen und wachsenden Versorgungsbereich.
Ein wichtiger Zusatz für alle Pflegeexpert:innen Stoma, Kontinenz und Wunde:
Für diese Fortbildung können wertvolle Rezertifizierungspunkte der Fachgesellschaft Stoma, Kontinenz und Wunde erworben werden. Damit bietet der Kurs eine ideale Gelegenheit, das persönliche
Punktekonto zu ergänzen und gleichzeitig spezialisiertes Expert:innenwissen aufzubauen.